Die Junioren des YCSS sind nun nicht mehr nur auf den hiesigen Seen und Regattabahnen zu finden, sondern mit Verena Knöpfle oder mir auch als Skipper von Charter und Fahrtenyachten weltweit. Nachdem die Welt so viele schöne Segelreviere zu bieten hat skippere ich nun seit 2 Jahren für das Unternehmen „JointheCrew“, welches Kojen Charter für Junge Leute anbietet. Oder mit dem Highlight meiner bisherigen Segelkarriere, einer Atlantiküberquerung von Martinique nach Palma de Mallorca mitten im ersten Corona Lockdown. Ich wurde Anfang Mai spontan von einem Bekannten gefragt wie schnell ich denn in die Karibik fliegen und die First 47 „Beebee“ zusammen mit deren Eigner zurück nach Europa überführen könne. Also Flug gebucht und los, über Frankfurt und Paris nach Fort de France, mit gerade einmal 20 Gästen in einer Boeing 777. Dort dann mit völlig überforderten lokalen Behören ein paar Stunden diskutiert, und schließlich vom örtlichen Polizeichef die Einreise und Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Mit mir reiste auch noch Simon, ein weiterer Skipper von JtC an. An Bord lernten wir dann Mario den Eigner, Snorri aus Schweden, welcher sich als Chefkoch eines Hotels entpuppte und Emma einer Hostess aus Marseille kennen und damit war die Crew und Aufgabenverteilung komplett.  In den kommenden 10 Tagen bereiteten wir das Schiff für die Überquerung vor, ständig taten sich neue Baustellen auf. Von neuen Solarpanels für die Stromversorgung, einem neuen Bautenzug für die Maschine, einem neuen Großsegel oder drei Tagen am Schiff rum tauchen, um das Unterwasserschiff freizukratzen. Wir konnten die Beebee leider nicht aus dem Wasser kranen, da die Werften in Le Marin alle völlig überfüllt waren. Da das Schiff seit Dezember auf den BVIs lag, hatte sich am Rumpf doch einiges an Grünzeug angesammelt. Snorri erledigte derweil die Proviantplanung begab sich auf der Insel in so manchen Supermarkt auf der Suche nach spezielleren Zutaten, die seiner Meinung nicht fehlen durften. Hier prallten zwei Welten aufeinander, Snorri der Koch und Mario der Eigner der auch jeden Tag einfach nur Nudeln mit Pesto gegessen hätte. Nachdem alle Vorbereitungen dann abgeschlossen waren machten wir uns am Morgen des 26. Mai auf in Richtung der Azoren. Die West/Ost Passage ist leider um einiges schwieriger als die leichtere Passatroute von den Kanaren in die Karibik. Unsere Routenplanung wurde durch viele Flautenlöcher und östliche Winde erschwert die uns weit in den Norden zwangen und uns mit tagelangen Am Wind Kursen bei bis zu 5m Welle einiges abverlangten. Vier Tage nach Start besuchte uns ein Sturmvogel, welcher es sich auf Snorris Kopf bequem machte und ihm seinen 40ten Geburtstag sehr versüßte. Weiter ging es Tag um Tag über diese riesige Wasserwüste nach Osten. Man könnte meinen, dass es irgendwann langweilig werden würde, aber es gab einfach immer irgendwas zu tun und wenn nicht spielten wir sehr viel Backgammon, Rommé oder Schach, letzteres durfte ich zwischendrin alleine gegen mich selbst spielen, da die anderen ständig gegen mich verloren und irgendwann einfach keinen Bock mehr hatten. Die täglichen Highlights bestanden aus riesigen Schulen von Delfinen, wahnsinnigen Sonnen auf und Untergängen oder Snorris Fähigkeiten das beste aus der Küche hervorzuzaubern. Fingen wir einen Fisch fuhr er uns meistens ein drei Gänge Menue auf, gestartet mit Sashimi, über einen Tunfischsteak zu einer fruchtigen Nachspeise, damit ließ es sich wirklich aushalten. Jedoch kam für uns dann der absolute Schlag ins Gesicht als uns knapp 900sm vor den Azoren innerhalb von 24 Stunden erst das Vorsegel an der Nut zum Vorstag komplett abriss, und im Laufe des Abends und der Nacht beide Großfalle rissen und zu guter Letzt der Gennaker im Morgengrauen in drei Teile zerplatzte. Ohne ein Segel und mit 300sm Restreichweite unter Motor standen zuerst wie paralysiert da und mussten uns erst einmal sammeln. Einen Notruf abzusetzen stand außer Frage, also begannen wir zuerst die Fock wieder zu nähen, was uns gute drei Tage kostete. In dieser Zeit motorten wir weiter nach Norden in das Zentrum eines großen Hochdruckgebietes wo wir auf weniger Wind und Wellen hoffen um zwei neue Falle in den Mast einzuziehen. Simon unser leichtester durfte diese undankbare Aufgabe übernehmen und wurde von uns mit einem Motorrad Helm bewaffnet in den 24m hohen Mast gezogen um dort die nächsten 6 Stunden die Aussicht zu genießen und dabei ein neues Fall einzuziehen. Zum Sonnenuntergang mussten wir die Aktion abbrechen und probierten es am nächsten Morgen nochmal. Mittags war das Groß wieder oben und die Fock auf wieder einigermaßen zusammengeflickt, welche wir dann auch hoch zogen und bis ins erste Reff einrollten, um keine Last mehr auf den neuen Nähten zu haben. Das Groß ließen wir auch im ersten Reff aus Angst wieder ein Fall zu verlieren und fuhren so mit stark angezogener Handbremse Richtung Horta. Zuhause machte sich derweil leichte Panik breit, da unser Satellitentelefon aufgrund eines Softwarefehlers plötzlich kein Guthaben mehr hatte und wir somit keine Standortmeldung mehr abgeben konnten. Uns war diese recht prekäre Situation kaum bewusst, zuhause wuchs die Sorge um uns Tag für Tag. Umso größer war die Freude als wir sieben Tage später über WhatsApp das erste Lebenszeichen von uns gaben als Mt Pico am Horizont auftauchte und wir schließlich gegen 0100 Uhr nachts im Hafen von Horta den Anker warfen und nach 23 Tagen und gut 3000 Seemeilen in unserem Kielwasser die erste Etappe beendeten.  Unser Plan in Peters Sports Bar unser verdientes Bier zu trinken wurde uns leider durch Corona verwehrt, da sich alle ankommenden Schiffe entweder in Quarantäne begeben mussten oder ihre Schiffe nicht verlassen durften und von dann von Peters Team mit einem Motorboot mit Nahrungsmitteln und allem möglichen versorgt wurden. Wir machten eine Nacht am Quarantänesteg fest um unsere Segel dem Segelmacher zur Reparatur mitzugeben und Diesel und Wasser zu bunkern. Zwei Tage später wollten wir wieder weiter, wir hatten alles wieder an Bord und wären an nächsten Morgen startklar gewesen, als es keine 30m auf einem Schiff neben uns zu einer Gasexplosion mit einem Schwerverletzten kam. In diesem Moment dachte niemand mehr ans Ablegen, zudem ich auch noch als Ersthelfer vor Ort war und an diesem Abend dafür wirklich keinen Kopf mehr hatte. Zudem verließ uns Emma auch noch an diesem Abend zu einem französischen Pärchen auf deren Katamaran, sodass wir die Etappe nach Mallorca nunmehr zu viert antraten. Wir starteten am nächsten Nachmittag und fuhren nördlich der Azoren nach Osten und erreichten nach 8 Tagen das Europäische Festland auf Höhe von Cabo de Sao Vincente, wo wir prompt im Morgengrauen von zwei Orcas begrüßt wurden. Was ein Empfang! Die Nacht davor steckte uns noch in den Knochen da wir das vierspurige Verkehrstrennungsgebiet von der Küste Portugals queren mussten und dort ständig Container- und Frachtschiffen auswichen, welche auf dem Weg nach oder von Gibraltar waren. Am selben Abend passierten wir die Meerenge von Gibraltar, was für eine Kulisse, bei 30knoten Wind von achtern durch den Kanal an den Containerriesen durchzuballern und endlich den Atlantik hinter uns zu lassen. Leider blieb eine weitere Belohnung aus und wir mussten die nächsten 4 Tage unter Motor oder ätzenden Aufkreuzen an Formentera vorbei verbringen bis wir schließlich am 2 Juli, nach insgesamt knapp 4500 Seemeilen und 35 Tagen auf See den Anker in der Cala Oli warfen und zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig zur Ruhe kamen. Am nächsten Vormittag klarierten wir in Palma ein und verlegten das Schiff nach El Arenal in den Hafen und begannen unsere Sachen zu packen und die tapfere Beebee einmal von vorne bis hinten zu putzen. Abends begaben wir uns auf die Suche nach einem Restaurant, welche sich einfach als beinahe unmöglich herausstellte da am gesamten Strand von El Arenal gerade einmal ein einziges Restaurant geöffnet hatte, in den wir auch recht schnell als komische Vögel identifiziert wurden und prompt den Chef mit am Tisch hatten der unsere Story hören wollte. Von ihm erfuhren wir, dass Mallorca an diesem Abend zum ersten Mal seit 4 Monaten überhaupt Restaurants geöffnet hatte, ich würde sagen unser Timing war in dieser Hinsicht perfekt. Am nächsten Morgen ging es schon in aller Herrgottsfrühe zum Flughafen um die Heimreise anzutreten, in einem fast leeren Flugzeug zurück nach München. Ein kleines Abschiedsgeschenk gab mir die Reise jedoch noch mit, als ich in der früh am Flughafen erstmal vom Klo kippte, weil mich der jetzt nicht mehr schaukelnde Grund völlig aus dem Konzept brachte.

Heute, 9 Monate später kamen mir beim schreiben dieses Berichtes viele Höhen und Tiefen dieser Tour wieder in den Kopf und trotz alldem was auf der Überfahrt schief lief, trotz allen emotionalen Tiefpunkten, würde ich es sofort wieder machen, weil dieses Gefühl des Ankommens und der Rückblick auf die gesegelte Strecke einfach unbeschreiblich ist.